Der „Bajazzo”-Automat (in Arbeit)

Einleitung

Bajazzo 1912 Jentzsch und Meerz 00

Der „Bajazzo" war der bekannteste und beliebteste Automat im Vorkriegsdeutschland. Bis in die frühen 30er Jahre wurde er in verschiedensten Varianten von dutzenden Firmen in Deutschland, Frankreich und Großbritannien gebaut. Allein in Berlin waren im Jahr 1925 mehr als 10.000 Bajazzos in Kneipen, Restaurants, Hotels und Cafés aufgestellt(1).

Trotz seiner enormen Verbreitung und Bekanntheit liegt seine Entstehungsgeschichte zum größten Teil im Dunkeln. In diesem Artikel sollen die wenigen bekannten Fakten zusammengetragen werden. Dabei liegt der Schwerpunkt auf den Automaten der Firma „Jentzsch & Meerz".

 

Das „Pickwick"-Patent 1900

13 Pickwick 0Die Geschichte des Bajazzo beginnt mit einer englischen Patenteintragung von Henry John Gerard Pessers im Jahr 1900. Patentiert wird hier das Spielprinzip, einer durch ein Hindernisfeld fallenden Kugel, welche mit einem vom Spieler horizontal steuerbaren Behälter aufgefangen werden muss.

Neu ist hier vor allem die bewegliche Fangtasche, welche auch das Grundprinzip des Bajazzo ist. Dieser von Pessers erfundene Automat trägt den Namen „Pickwick". Von ihm gab es verschiedene Varianten, bei welchen das Spielprinzip noch verfeinert wurde.

Link: Patent „Pickwick" 1900

 

Die Leipziger Herbstmesse 1907 / „Wer hat's erfunden?"

Die erste bekannte Nennung des Bajazzo ist in einem Bericht über die Leipziger Herbstmesse 1907 zu finden. In einem Artikel, welcher in verschiedenen Zeitschriften veröffentlich wurde (z.B. „Zeitschrift für Instrumentenbau", „Deutsche Instrumentenbau-Zeitung") wurde über die Messeneuheiten geschrieben. Der Bajazzo war auf dem Stand des Großhändlers „Ernst Holzweissig Nachf." aus Leipzig ausgestellt, leider ohne Angaben des Produzenten.

In der Fachliteratur zu historischen Spielautomaten wird immer wieder „Jentzsch & Meerz" als Erfinder bzw. Bauer der ersten Bajazzo-Automaten angeben. 

Jedoch gibt es da einige Unstimmigkeiten:

  • „Jentzsch & Meerz" stellte selbst auf den Leipziger Messen aus. Auch auf der Herbstmesse 1907 war J&M mit einem eigenen Stand vertreten (Link: Quelle). Wären sie die exklusiven Hersteller gewesen, hätten sie das Gerät wahrscheinlich auch selbst präsentiert.

  • Es gibt keine Patent- oder Gebrauchsmustereintragung von „Jentzsch & Meerz" zwischen 1903 und 1911 zum Bajazzo, obwohl dieser auch völlig neue schützenswerte Komponenten enthielt, neben dem bereits von Pessers patentierten Grundspielprinzip

  • „Jentzsch & Meerz" bewarb seine frühen Automaten regelmäßig in verschiedenen Zeitschriften und Katalogen. Zwischen 1903 und 1911 konnte keine einzige Anzeige von „Jentzsch & Meerz" gefunden werden, welche den Bajazzo erwähnt. Alle anderen Automaten wurden ständig präsentiert.

  • Es gibt bisher auch keine Anzeige anderer deutscher Firmen aus dieser Zeit, welche einen „Bajazzo" anboten.

  • In den Akten des Polizeiarchives Leipzig gibt es eine genaue Auflistung aller Spielautomaten in den Leipziger Kneipen, Bars und Hotels. Dort ist zwischen 1903 und 1911 ebenfalls kein einziger Bajazzo zu finden.

  • Die Bauform und die verwendeten Teile (Beschläge, Zierecken, Auszahlschalen) der alten Bajazzos ähnelten nicht den damals (um 1906/1907) von „Jentzsch & Meerz" gebauten Automaten (siehe Automaten-Liste).

 

 

Die ersten Deutschen Bajazzo-Geräte 1910

Tatsächlich geben kürzlich entdeckte Unterlagen Aufschluss darüber, wer in Deutschland mit dem Bau der Geräte angefangen hat:

In alten Akten(2) des Polizeipräsidiums in Leipzig zum Thema „Verbot der Glücksspiele" wurden auch die Bajazzo-Geräte gründlich untersucht. Dabei musste u.a. Max Jentzsch höchstpersönlich auf der Polizei-Dienststelle aussagen. Durch seine Aussage, welche im Wortlaut in einem Protokoll zu finden ist, lässt sich Folgendes feststellen:

Der Bajazzo wurde ab 1910 von Reinhard Hoffmann vor allem für das Ausland gebaut. Erst nach dem Kauf der Fabrik durch Max Jentzsch (siehe Firmengeschichte), wurde der Bajazzo durch die Firma „Jentzsch & Meerz"  produziert. Außerdem fertigten in dieser Zeit auch mindestens zwei weitere Firmen den Bajazzo an: „Gustav Arndt Automatenfabrik" und die Firma von Richard Polter.

Max Jentzsch Bajazzo Aussage 1914

Abbildung: Ausschnitt der Aussage von Max Jentzsch

 Vor etwa 3 Jahren (1911) kaufte ich dem obengenannten Hoffmann die Fabrik ab und fertige seit dieser Zeit, wie schon  Hoffmann vorher, den Automat „Bajazzo” an. Ich liefere nur an Händler ...

 

 

Reinhard Hoffmann Bajazzo Aussage 1914

Abbildung: Ausschnitt der Aussage von Reinhard Hoffmann

Ich habe in den Jahren 1910 und 1911 den Automat „Bajazzo” angefertigt und in der Hauptsache nach dem Ausland geliefert. 1911 verkaufte ich meine Fabrik an den zuvor erwähnten Jentzsch. ...

 Wo aber nun die Bajazzo-Automaten zwischen 1907 und 1909 produziert worden sind, bleibt weiterhin ein Rätsel.

 

 

Die ersten „Jentzsch & Meerz"-Bajazzos

Die erste Nennung der Bajazzo-Spielautomaten in Zusammenhang mit „Jentzsch & Meerz" in der Fachpresse konnte in der „Leipziger Uhrmacher-Zeitung" (Jahrband 1912) gefunden werden. Dort wird in der Rubrik „Briefkasten" eine Leseranfrage zum Hersteller zweier Automaten beantwortet:

Die Automaten „Hansa" und „Bajazzo" werden von der Firma Max Jentzsch & Meerz in Leipzig fabriziert.

 Diese ersten Bajazzo-Automaten waren relativ klein und kompakt und ähnelten damit größenmäßig den anderen damals produzierten Spielautomaten. „Jentzsch & Meerz" baute die ersten Bajazzos sowohl mit Geld-, als auch mit Gewinnmarken-Auszahlung.

 

... wird fortgesetzt ...

 

1  Kalgoorli Miner, 29. Dezember 1925, S.1, „Gambling Craze in Berlin - A Fool's Game"

2  Sächsisches Staatsarchiv, Hauptstaatsarchiv Leipzig, 20031 Polizeipräsidium Leipzig, Nr. PP-V 4018

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